Was bedeutet Nähe, wenn Sexualität oder romantische Anziehung keine zentrale Rolle spielen? Und warum wird Freundschaft gesellschaftlich oft anders bewertet als eine romantische Partnerschaft? Die Erfahrungen von A*Spec Personen zeigen, wie vielfältig Verbundenheit sein kann und warum es wichtig ist, mit festgefahrenen Vorstellungen über Beziehungen aufzubrechen.
Asexualität wird oft noch immer vor allem darüber definiert, was fehlt: kein sexuelles Verlangen, kein Interesse an Sex, keine romantischen Beziehungen. Doch die Erfahrungen von A*Spec Personen sind wesentlich vielfältiger. Eine Umfrage von ST. PRIDE mit 25 Teilnehmer:innen zeigt vor allem eines: Nähe, Verbundenheit und Beziehungen haben für viele eine große Bedeutung – nur eben nicht unbedingt in der Form, die die Gesellschaft als „normal“ vorgibt.
Nähe ist mehr als Romantik
Erwin Rossmann, Schriftführer und Vorstandsmitglied von ST. PRIDE, ist selbst asexuell und aromantisch. Im Gespräch erzählt er, wie wichtig Freundschaften für ihn sind und wie sehr gesellschaftliche Vorstellungen von Beziehungen unseren Blick auf Nähe prägen.
84 Prozent der Befragten nannten tiefe Freundschaften und emotionale Nähe als wichtige Formen der Verbundenheit. Gleichzeitig empfinden 80 Prozent die gesellschaftliche Erwartung als belastend, dass romantische Partnerschaften wichtiger seien als Freundschaften.
Erwin beschreibt, wie sich Freundschaften verändern können, wenn nahestehende Menschen eine romantische Beziehung eingehen und sich Prioritäten verschieben. Dabei muss Freundschaft keineswegs weniger bedeutend sein. Menschen können ihren Alltag teilen und füreinander da sein, ohne romantische Gefühle oder sexuelle Anziehung zu empfinden.
Wie wichtig solche Verbindungen sein können, bringt eine Person aus der Umfrage so auf den Punkt: „Es bedeutet, dass Freundschaften die wichtigste Form der Beziehung sind und Nähe sich nicht auf einzelne Menschen beschränken muss. Es geht darum alle Menschen authentisch zu lieben, und zwar als Mensch und nicht als Körper.“
Ob Partnerschaft, Freundschaft, queerplatonische Beziehung oder ein Leben ohne Partner: Keine dieser Lebensweisen ist weniger wertvoll.
Nicht „falsch“, sondern vielfältig
Asexualität wird noch immer häufig missverstanden. 76 Prozent der Befragten haben bereits den Satz gehört, sie hätten einfach noch nicht die richtige Person gefunden. 88 Prozent empfinden es als belastend, wenn fehlendes sexuelles Interesse als etwas betrachtet wird, das „repariert“ werden müsse.
Auch Erwin kennt solche Vorurteile. Er erzählt, dass manche Menschen ihm seine Asexualität nicht glauben, weil sie sich nicht vorstellen können, dass auch Männer asexuell sein können. Dahinter stehen Vorstellungen davon, wie Sexualität und Beziehungen angeblich sein sollten. Wer davon abweicht, muss sich oft erklären, obwohl es dafür keinen Grund geben sollte.
Wer gerade erst herausfindet, dass Ace-Sein zur eigenen Erfahrung passen könnte, muss dabei nicht sofort alle Antworten haben. Eine befragte Person erinnert daran: „Das es ein großes Label ist, das viele sehr verschiedene und auch teilweise widersprüchliche Erfahrungen beinhaltet.“ Eine andere betont: „Ace-sein bedeutet nicht, dass man für immer einsam und alleine sein wird. Glückliche und erfüllte Beziehungen sind auch möglich.“
Dabei ist Asexualität vielfältig. Manche Menschen empfinden keine sexuelle Anziehung, andere nur selten oder unter bestimmten Umständen. Auch romantische Anziehung ist davon unabhängig. Ace zu sein bedeutet also nicht automatisch, keine Beziehung führen oder keine Nähe erleben zu wollen. Manche asexuelle Menschen führen romantische Beziehungen, haben Sex oder wünschen sich eine Partnerschaft, andere nicht. All diese Erfahrungen sind gleichermaßen gültig. Es gibt keine richtige oder falsche Art, asexuell zu sein.
Sichtbarkeit schafft Gemeinschaft
Damit Menschen sich selbst verstehen und angenommen fühlen können, braucht es Aufklärung und Begegnungsräume. 88 Prozent der Befragten sehen besonders in der schulischen Sexualaufklärung Nachholbedarf. Auch in Filmen und Serien, im medizinischen Bereich und in queeren Organisationen wünschen sie sich mehr Sichtbarkeit.
Dass Aufklärung und Austausch viel bedeuten können, zeigt auch die Erfahrung einer älteren Person aus der Umfrage. Sie berichtet, dass die Partnersuche schon in ihrer Jugend anders verlief als bei anderen und sie erst viel später auf Asexualität stieß. Bis sie sich schließlich zu einem Ace-Treffen traute, vergingen weitere zwei Jahre. Rückblickend schreibt sie: „Ich wünschte, ich hätte früher Worte dafür gehabt, schon in der Jugend und vor allem für meine Partnerschaft.“ Ihre Geschichte macht deutlich, dass Sichtbarkeit in jedem Alter wichtig ist und dass es auch ältere aro- und ace Personen gibt, deren Erfahrungen mehr Raum verdienen.
Dass sich hier etwas bewegt, zeigt AceAro.at, das österreichische Netzwerk des asexuellen und aromantischen Spektrums. Es bietet Informationen, vernetzt Menschen und organisiert eigene Veranstaltungen. Im Rahmen der Ace Week 2026 finden unter anderem ein Info- und Communityabend in Wien sowie ein Asexualität-101-Abend in Linz statt. Auch gemeinsame Aktivitäten und Treffen bieten Gelegenheit, andere Menschen kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Alle Termine gibt es im Veranstaltungskalender von AceAro.at.
Doch Sichtbarkeit sollte nicht bei Informationen und Veranstaltungen enden. Auch innerhalb der LGBTQIA+-Community wünschen sich Befragte mehr Offenheit und aktive Inklusion. Eine Person formuliert es knapp: „Mitgedacht zu werden.“ Sie wünscht sich, dass queere Organisationen gezielt A*Spec Personen einbeziehen und ihnen ermöglichen, Veranstaltungen und Community-Angebote mitzugestalten. Eine andere Person wünscht sich „den gleichen Respekt für unsere Erfahrungen, unsere Identität und unser Selbstverständnis, den wir auch ihnen entgegen bringen.“
Auch bei ST. PRIDE möchten wir A*Spec Personen ermutigen, ihre Perspektiven einzubringen und die queere Community aktiv mitzugestalten. Wer eigene Ideen hat oder sich bei uns engagieren möchte, ist herzlich willkommen. Denn je mehr unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen gehört werden, desto vielfältiger und inklusiver kann unsere Community sein.
Wir können alle dazu beitragen, indem wir Freundschaften denselben Wert zugestehen wie romantischen Beziehungen, persönliche Grenzen respektieren und weniger selbstverständlich annehmen, dass alle Menschen Sex oder eine Partnerschaft wollen.
Denn am Ende geht es nicht darum, dass alle gleich leben. Es geht darum, dass jede Person ihr Leben so gestalten darf, wie es sich für sie richtig anfühlt.






